Gesundheitssystem England

Das englische Gesundheitssystem NHS (National Health Service) funktioniert ziemlich anders als das deutsche. Es finanziert sich über Steuergelder und nicht wie in vielen anderen Ländern über eine Sozialversicherung. Es bietet jeder in England wohnhaften Person kostenlosen Zugang zum Hausarzt (GP: General Practitioner) und zum Krankenhaus. Ebenso können sich Reisende der EU gebührenfrei behandeln lassen.

Hier ist es so, dass man sich bei einer GP Praxis registriert und immer zuerst zu dieser Praxis/ zu dem GP geht, egal welches gesundheitliche Problem besteht. Es gibt in Deutschland ja auch die Hausarztzentrierte Versorgung, die die Krankenkassen anbieten. Allerdings gibt es dort Fachärzte, zu denen man direkt hingehen kann. Zum Beispiel zum Gynäkologen, Augenarzt oder Kinderarzt.

Hier ist das nicht so und man muss wegen jeder Überweisung für einen Facharzt zuerst zum GP. Glücklich sind jene, die eine private Zusatzversicherung haben, denn dann sind die GPs relativ großzügig mit den Überweisungen (referral letter). Allerdings muss man bei der Privatversicherung anrufen um zu überprüfen, ob die anstehende Behandlung bezahlt wird und ob der Arzt, den man sich ausgesucht hat oder den der GP empfohlen hat, mit der Versicherung kooperiert… Ich mache es mittlerweile so, dass ich bei der Versicherung anrufe, wenn ich für einen von uns eine Überweisung brauche und mir einen Facharzt ausgesucht habe, um zunächst zu checken, ob dieser mit der Versicherung kooperiert und dann bei GP eine namentliche Überweisung für diesen Arzt hole. Damit spart man sich den einen Weg, nochmal zum GP zurück gehen zu müssen und den Namen des Arztes anzugeben, nachdem die Versicherung ihr „ok“ gibt… Wobei der Besuch beim GP normalerweise eine kurze Geschichte ist. Egal, ob man etwas hat oder nur eine Überweisung braucht, Termine sind im 10 Minuten Abstand vergeben und ich habe bisher noch kein einziges Mal länger als 5 Minuten im Behandlungsraum verbracht, auch wenn wirklich eine von uns krank war…

Es gibt allerdings auch Privatversicherungen, bei denen man ganz ohne Überweisung direkt zum Facharzt der Wahl gehen kann. Super und Glückwunsch an jene, die eine solche Versicherung haben!

Ich finde es wirklich merkwürdig, dass man hier zum Beispiel mit einem Kind zum GP geht, der einfach nicht speziell dafür ausgebildet ist. Das Gesundheitssystem in Hong Kong funktioniert ähnlich, aber zumindest zum Kinderarzt kann man ohne Überweisung gehen. Im Akutfall kann man es trotz privater Versicherung praktisch vergessen, einen Kinderarzt aufsuchen zu können, wenn man nicht gerade diese „Super-Privatversicherung“ hat. Ich habe auch schon mal ewig mit der Versicherung diskutiert, als ich am selben Tag einen Kinderarzttermin hätte haben könnte, es vorher aber nicht schaffte, einen referral letter beim GP zu besorgen. Sie haben sich geweigert, die Kosten zu übernehmen. Da bleibt einem nur übrig, den Kinderarzt privat zu bezahlen! Echt bescheuert!

Ebenso merkwürdig ist es, dass man als Frau den Krebsabstrich (Pap-Smear oder Cervical Screening), der das erste Mal mit 25 Jahren, dann bis zum Alter von 50 Jahren alle 3 Jahre und danach nur noch alle 5 Jahre ansteht, in der GP Praxis machen lässt. Mein Erlebnis mit der GP-Praxis Nurse, die das Screening bei mir letztes Jahr in ihrem kleinen, etwas schmuddeligen Raum gemacht hat und die in ihrer Plastikschürze, der wuchtigen Figur und der wenig zimperlichen Art eher an eine Schlächterin erinnerte, werde ich jedenfalls so schnell nicht vergessen. Was habe ich daraus gelernt: Irgendein Unterleibsproblem, das man ja immer mal haben kann, „bekommen“ beim GP eine Überweisung holen und dann einen Gynäkologen aufsuchen und dort eine vernünftige Krebsvorsorge machen lassen 🙂

Es ist schon auffällig, dass hier Untersuchungen, die in Deutschland jährlich anstehen, in größeren Abständen anstehen. Auch die ganzen Vorsorgeuntersuchungen für Kinder (Die „U“s), gibt es hier nicht in diesem Umfang.

Interessanterweise gab es vor einiger Zeit in einer Berliner Tageszeitung eine Übersicht über die besten Gesundheitssystem der Welt. Großbritannien/ das NHS wurde dort komplett ausgelassen! Ich frage mich, warum wohl…?

 

Mehr nützliche Infos über London findest du hier

4 Gedanken zu „Gesundheitssystem England

  1. „Es gibt allerdings auch Privatversicherungen, bei denen man ganz ohne Überweisung direkt zum Facharzt der Wahl gehen kann. Super und Glückwunsch an jene, die eine solche Versicherung haben!“

    Wie viel kostet denn eine solche Versicherung? Und wie viel im Vergleich zahlen Sie in Deutschland monatlich für die gesetzliche Krankenversicherung?
    Ich bin Freiberuflerin mit 1000 – 12oo Euro Einkommen pro Monat und müsste (wenn ich nicht glücklicherweise bei der Künstlersozialkasse versichert wäre) den Mindestbeitrag von 240 Euro monatlich bezahlen! Kosten die genannten Privatversicherungen in UK tatsächlich noch (viel) mehr?
    Im Internet gefunden (Beitrag vom Mai 2018): „The average premium for UK private health insurance is £1,435 per year (source: ActiveQuote). But you might pay much less than that for health insurance depending on the two factors that influence the cost.“ Das sind reichlich 100 Euro pro Monat – so billig kommen Sie meines Wissens in Deutschland aber nicht weg!
    Mich ärgert an solchen Beiträgen, ich auf deutschen Websites finde, dass alle immer so tun, als bekämen wir in DE ein weitaus bessere medizinische Versorgung als in UK zum selben Preis.
    Beste Grüße, AN

    1. Hallo,
      vielen Dank für den Kommentar.
      Es stimmt, in UK zahlt man nicht „extra“ fürs NHS (außer beim Zahnarzt für viele Behandlungen und mittlerweile auch einer Rezeptgebühr). Allerdings verstecken sich Natürlich einige Abgaben im Sozialversicherungsbeitrag, den man als Arbeitnehmer als eine Art Steuer abgibt. Von daher ist das NHS für nicht- oder Geringverdiener sicher „kostenlos“, aber diese Personengruppe wird vermutlich in Deutschland auch nicht besonders viel für die Krankenversicherung aus eigener Tasche zahlen?

      Viele Grüße,
      Uta

  2. Hallo Uta,

    das ist ein Thema, was mich brennend interessiert. Ich habe Dir daher heute eine Mail geschrieben und hoffe sehnlichst auf Deine Antwort.

    LG
    Birgit

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