Die zweite Schwangerschaftshälfte in England

Schwangerschaftsvorsorge in England

Die vierzig Schwangerschaftswochen sind nun um, ich bin bereits fast zwei Wochen in Berlin, wo das Kind wie geplant zur Welt kommen soll (und wir gehen mal wieder in die Verlängerung). So kann ich die zweite Schwangerschaftshälfte in England resümieren.

Ich habe einmal meinen Vorsorgeplan fotografiert. Auf der linken Seite zeigt der Plan die Untersuchungen für Erstgebärende (wie man sieht, es sind ein paar mehr) und rechts der Vorsorgeplan für alle, die mindestens das zweite Kind bekommen. Daher war das der Vorsorgeplan für mich.

Die ersten 20 Schwangerschaftswochen haben ich ja bereits beschrieben. Man kann aus diesem Blogpost herauslesen, dass ich nicht hundertprozentig von dem Schwangerschaftsvorsorgesystem in England überzeugt bin. Und das hat sich auch in der zweiten Schwangerschaftshälfte nicht gravierend geändert.

Die regulären Untersuchungen in der zweiten Schwangerschaftshälfte in England

Zu Beginn der zweiten Schwangerschaftshälfte stand der 20-Week-Scan an. Das ist einer der beiden geplanten Ultraschalls, welcher von einer Ultraschallspezialistin im Krankenhaus durchgeführt wurde. Bis auf die Tatsache, dass ich – mit einer Freundin bewaffnet – erst einmal auf das Ende des Feuerwehreinsatzes im Krankenhaus warten musste und sich dadurch alles verzögerte und die Ärztin beim Ultraschall auch leicht gestresst schien, war der Ultraschall dennoch sehr ausführlich und ich hatte das Gefühl, dass die Ärztin ihr Handwerk versteht.

In der 23. Schwangerschaftswoche hatte ich meinen ersten „Vorsorgetermin“ bei einer GP (Allgemeinärztin). Mit Urinprobe und bereits im Wartezimmer an der Maschine selbst gemessenen Blutdruck bewaffnet hat die Vorsorge nicht mehr als 5 Minuten gedauert: Blutdruck und Urin ok, keine Ödeme. „Are you feeling good? Any concerns?“, „No, all good“, „Then continue exactly as you’ve done so far“.

Und schwupps hatte mich die Ärztin wieder entlassen.

Ein großer Zuckertest in der 27. Schwangerschaftswoche

In der 27. Woche hatte ich einen Termin für einen großen Zuckertest. Sprich: Nüchtern antanzen, Blutabnehmen, Zuckerlösung trinken und nach 2 Stunden erneut Blutabnahme. Auch auf Nachfrage konnte mir die Ärztin nicht sagen, wieso ich nun eigentlich diesen Zuckertest mache:

Es ist auf jeden Fall keine Pflicht-Untersuchung: Weder aufgrund meines Alters von über 35 (hatte ich schon mal erwähnt, dass man hier dann zu den „Geriatric Mums“ gehört? Ich finde das hört sich wirklich steinalt an!). Noch hängt es irgendwie mit meiner erhöhten Thrombosegefahr durch Faktor V Leiden Mutation oder meiner leichten Schilddrüsenunterfunktion zusammen. Irgendwer hat einfach entschieden, dass ich diesen großen Zuckertest machen soll, einen kleinen, der zunächst meist in Deutschland reicht, scheint es nicht zu geben. Das Ergebnis war jedenfalls unauffällig.

Hebammenvorsorge in der 29. Schwangerschaftswoche

Hier stand eine Blutabnahme zwecks verschiedener Werte an. Außerdem wurde der Fundusstand vermessen (der wird in Zentimeter vom Schambein bis zum oberen Rand angegeben) sowie der Herzschlag des Babies (für nicht mal eine Minute) kontrolliert. Beim Auffinden des Herzschlags hat die Schnatterente der Hebamme einen Tipp gegeben, wo sie vielleicht mal versuchen soll und siehe da, dort war er nach mehreren vergeblichen Versuchen auch wirklich zu finden.

Termin in der Thrombosesprechstunde in der 31. Schwangerschaftswoche

Obwohl ich ja wegen der erhöhten Thrombosegefahr eigentlich auch mindestens ein Mal vom gynäkologischen Team im Krankenhaus gesehen werden sollte, ist das bis zum Ende der Schwangerschaft nicht passiert. Zwar hat praktisch jedes Mal die Hebamme nachgefragt, ob sich die gynäkologische Abteilung schon gemeldet hat, aber mehr ist dann auch nicht passiert.

Der Termin in der Thrombose-Abteilung des Krankenhauses wurde jedenfalls arrangiert und auch wenn ich bei meiner 3. Schwangerschaft keine neuen Informationen erwartet habe, musste ich halt hin um dem „Plan“ zu folgen. Bei dem Termin sah ich erstmals eine „Clinical Midwife“, welche auf jeden Fall einen sehr kompetenten Eindruck machte. Ich kenne mich zwar nicht aus, wo die Unterschiede bei der Ausbildung/Qualifikation zwischen ihr und den Hebammen, die ich sonst bei den Vorsorgen hatte, liegen, aber sie schien ein umfassenderes Wissen zu haben.

Nach einer Risikoeinschätzung und aufgrund der Tatsache, dass ich in der 39. Woche mit dem Auto nach Berlin fahren wollte, wollte die Hebamme und die anwesende Thrombose-Krankenschwester noch einen Folgetermin verabreden und dann auch bis dahin mit einer Ärztin meinen Fall besprochen haben.

34. Woche: Erneuter Vorsorgetermin beim GP

Wie beim ersten Vorsorgetermin war auch der zweite: Ich kam vorbereitet mit Blutdruck-Werten und Urinprobe, wurde kurz auf die Liege gelegt um den Fundusstand zu messen (bei der englischen Messweise entspricht der Fundusstand im Übrigen scheinbar so ziemlich genau der Schwangerschaftswoche in Zentimetern – das kannte ich bisher noch nicht). Neben den paar Angaben zu Blutdruck, Urin, Fundusstand, Schwangerschaftswoche und Kindsbewegungen war der Kommentar der Ärztin im Vorsorgeheft „All well“.

Mit einem „You’ve been so well prepared and my most efficient patient ever“, wurde ich nach wenigen Minuten verabschiedet.

36. Woche: Extra Ultraschall wegen der Schilddrüsenunterfunktion

Wegen meiner leichten Schilddrüsenunterfunktion wurde mir in der 36. Woche eine Ultraschalluntersuchung außerhalb der Reihe angeboten und natürlich habe ich diesen auch gerne angenommen. Eine Freundin – ebenfalls mit Schilddrüsenunterfunktion – hatte diesen Ultraschall vor einigen Jahren nicht angeboten bekommen. Also entweder hat sich das geändert oder es kommt irgendwie doch darauf an, in welchem Krankenhaus man seine Vorsorgeuntersuchungen macht.

Der Grund für diesen extra Ultraschall war jedenfalls, das Wachstum des Babies zu kontrollieren. Mit einer englischen Kinderärztin habe ich einmal zusammen über den merkwürdigen Zeitpunkt dieser Zusatzuntersuchung diskutiert, denn wenn das Kind seit dem letzten Ultraschall in der 22. Woche nicht mehr richtig gewachsen ist, dürfte sich in den letzten 14 Wochen ein sehr defizitäres Wachstum eingestellt haben. Sie konnte sich den späten Zeitpunkt lediglich so erklären, dass man – bei Feststellung, dass das Kind nicht richtig wächst – ab der 36. Woche das Kind direkt holen würde. In welchem Zustand es dann auch immer wäre…. Diese Logik erschließt sich mir nicht so ganz und der Kinderärztin ging es nicht anders.

Dadurch, dass ich ja zwischendurch einen Ultraschall in Berlin und einen weiteren privat in London hatte machen lassen, hatte ich bezüglich Wachstumsverzögerung keine Sorge. Aber wenn ich diese Bestätigung nicht gehabt hätte, wäre ich wohl sehr nervös zu diesem Termin gegangen.

Letzte Hebammenvorsorge vor dem errechneten Termin

Vier Wochen vor dem errechneten Termin gehen Mütter, die bereits früher entbunden haben, bereits zu ihrer letzten Vorsorgeuntersuchung, bevor es dann ab Erreichen des errechneten Termins auch regelmäßiger wird. Wie bei den Malen zuvor wurde der Blutdruck und Urin kontrolliert, kurz nach dem Herzschlag gehorcht und sich allgemein nach meinem Befinden erkundigt.

Entgegen der Einstellung einer anderen Hebamme, war diese nicht irgendwie voreingenommen, was meine Pläne anging, nach Berlin zur Entbindung zu fahren. Sie wollte lediglich zur Sicherheit noch den letzten regulären Vorsorgetermin bei Schwangerschaftswoche 40 festzumachen, falls ich es doch irgendwie nicht nach Berlin schaffen sollte. Bei diesem Termin würden dann auch alle weiteren Termine sowie die Einleitung besprochen werden.

Allerdings bin ich ja mittlerweile gut in Berlin angekommen, hatte bereits einen richtigen Vorsorgetermin bei einem Gynäkologen und auch bereits meine Nachsorgehebamme gesehen, die mich auch noch mal vor der Geburt sehen wollte.

Mein persönliches Resümee zur Schwangerschaftsvorsorge in England

England ist nach Deutschland und Hong Kong nun das dritte Land, in dem ich schwanger war. In Deutschland habe ich meine erste Schwangerschaft als Kassenpatientin erlebt und mich sehr gut betreut gefühlt. In Hong Kong war ich Privatpatientin und habe auch immer eine Ärztin für die Vorsorgeuntersuchungen bis zur 32. Woche gehabt, bevor ich damals nach Deutschland gereist bin. Die öffentliche Schwangerschaftsvorsorge ist in Hong Kong der englischen ähnlich mit einer Hebammen-geleiteten Vorsorge. Allerdings kürzeren Untersuchungsabständen zum Ende der Schwangerschaft hin.

Und die Englische Schwangerschaftsvorsorge ist wie oben bzw. hier für die erste Schwangerschaftshälfte beschrieben, eben eine Hebammen- oder Allgemeinarzt-geleitete Vorsorge mit zwei fest vorgesehenen Ultraschallterminen. Weitere Ultraschalltermine stehen nur dann an, wenn ein medizinischer Grund dafür vorliegt.

Die Vorsorgeuntersuchungen sind generell sehr knapp und die Untersuchungsabstände – insbesondere zum Ende der Schwangerschaft hin – sehr lang.

Dafür ist allerdings die Nackenfaltenmessung inklusive Bestimmung von einigen relevanten Blutwerten, die das Ergebnis aussagekräftiger machen, komplett kostenlos.

Ich persönlich bevorzuge das deutsche Vorsorgesystem, bei dem ich mich ja auch entscheiden könnte, ob ich Vorsorgetermine beim Frauenarzt oder der Hebamme machen wollte und auch nur die vorgesehenen Ultraschalltermine wahrnehmen kann, wenn einem die engmaschige Vorsorge zu viel ist.

Zur Geburt in England kann ich nichts aus erster Hand sagen, aber von meinen Freundinnen weiß ich, dass man in der Regel sehr gut betreut wird. Bekanntermaßen wird man in englischen Krankenhäusern allerdings schnell gebeten, nach Hause zu gehen und ambulante Entbindungen sind der Regelfall. Die Bettenknappheit macht das notwendig.

Ich freue mich, dass ich auch unser drittes Kind in Deutschland bekommen darf, in einem anthroposophischen Krankenhaus, dass ich auch plane, schnell wieder zu verlassen, wenn nach der Geburt alles ok ist. Auch wenn das Krankenhaus gegenüber normalen deutschen Krankenhäusern etwas gemütlicher ist, mag ich generell Krankenhäuser nicht und bevorzuge die ambulante Entbindung.

Eure Uta x

 

 

 

 

4 Gedanken zu „Die zweite Schwangerschaftshälfte in England

  1. Liebe berlondon Mama
    Ich habe deinen Beitrag verschlungen, da ich selbst mein Kind in England bekommen habe und gerade die 2. Schwangerschaftshälfte gut beurteilen kann.

    Auch ich war erst einmal von dem Hebammenschwerpunkt überrascht, hat mich aber beruhigt. Warum wegen einer Schwangerschaft den Arzt sehen? Ärzte sind für kranke Menschen.

    Was die Geburt betrifft, kann ich nicht bestätigen, dass einen die Krankenhäuser rausschmeißen. Meines (Leicester Royal Informary) hat mich drei Formulare unterschreiben lassen, damit ich acht Stunden nach der Geburt heimgehen konnte. Üblicherweise bleiben Mutter und Kind hier 2-3 Nächte im Spital. Drei furchtbare Nächte, wie ich von meinen Freundinnen (alle in Leicester oder Coventry entbunden) weiß.
    Aber du sagst ja selbst, dass es auf das Krankenhaus ankommt.

    Ich wünsche dir für die Geburt jedenfalls alles gute!

    1. Vielen Dank für dein Kommentar und deine Wünsche! Hoffentlich kommt das Baby bald…

      Ja, ich nehme stark an, dass es auf die Auslastung des Krankenhauses ankommt. Alle meine Bekannten in London sind in der Regel bei gutem Allgemeinzustand schnell gebeten worden, zu gehen. Sogar eine Freundin mit einem Baby, das nicht mal 2,5 Kilo wog. Wenn man dann bedenkt, dass man zu Hause auch bis auf vereinzelte Health Visitor Besuche, die definitiv nicht mit einer qualifizierten Hebamme vergleichbar sind, auf sich alleine gestellt ist, finde ich das schon etwas früh.

      Möchte man mehr Kontrolle oder ist sich unsicher, muss man halt selbst aktiv werden und in eine drop-in Child Health Clinic gehen. Dort kann man sich Rat holen und die Kinder wiegen.

      Viele Grüße,
      Uta

    1. Vielen Dank! Wir warten noch und so langsam wird meine Geduld echt auf die Probe gestellt…

      Naja, nutzt ja nix! Hoffe nur, dass dann nicht am Ende so ein Riesenbaby dabei rauskommt 😀

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