Schwerer Abschied aus Berlin

Berliner City vom Teufelsberg fotografiert

Jetzt ist der Abschied aus Berlin, wo wir viele Wochen über die Sommerferien waren, schon zwei Wochen her. Und so langsam sind wir alle wieder im londoner Alltag angekommen. Wobei der für mich nun komplett anders als vor den Sommerferien aussieht: Statt Büro heißt es Stillen, Wickeln sowie Wäscheberge bewältigen für das Baby sowie hin- und herbringen zur Schule und Aktivitäten und Hausaufgaben machen für die Großen.

Diese Woche hat unser neues Au Pair angefangen und damit werden nach und nach vor allem die Aufgaben rund um die Großen an sie übergehen. Das hilft mir sehr, denn so ganz ohne Arbeit mag ich nicht und es war die letzten drei Wochen nicht einfach, auch noch ein paar Stunden die Woche für Homeoffice Arbeit freizuschaufeln.

Alles wie immer oder etwa doch nicht?

Kürzlich war ich in einem Kaufhaus und lief auf ein älteres Paar zu. Die Dame hatte gerade einen Cardigan übergezogen und er schaute sich das Stück an. In Hörweite angekommen hört ich den Mann sagen:

Dit sieht jut aus! Dit koof ick dir!

Zunächst ging ich schmunzelnd an dem Paar vorbei um dann doch meine Neugier zu befriedigen und umzukehren. „Sind Sie aus Berlin“ fragte ich sie. Der Mann wurde gleich sehr ernst und fragte zurück, ob sie jetzt mit mir hochdeutsch sprechen müssten. Auch wenn man es mir nicht anhört, habe ich mich auch gleich als Berlinerin geoutet und so sind wir direkt ins Gespräch gekommen. Das Ehepaar ist vor 40 Jahren von Berlin nach Wimbledon gezogen. Ich erzählte, dass wir bereits 5 Jahre hier leben, allerdings wohl nicht so lange bleiben werden, wie sie sondern vermutlich irgendwann zurück ziehen werden.

Beinahe etwas wehmütig erzählten sie daraufhin, dass sie keine Verwandten mehr in Berlin haben und es sie nur manchmal zu Besuchen nach Berlin zieht. Hier in London haben sie allerdings auch nur ihre Katze und leider keine Kinder. Sie verstanden es gut, dass wir irgendwann zurück ziehen möchten. Insbesondere die lange Wartezeiten auf Arzttermine halten sie für unerträglich.

Und obwohl ich diese Menschen gar nicht kannte, habe ich ihnen plötzlich – ich würde nicht sagen „mein Herz ausgeschüttet“ – aber ihnen zumindest erzählt, wie ich mich hier seit dem Abschied aus Berlin fühle: Als ich hier nämlich die ersten Tage viel mit dem Kinderwagen durch die Gegend spaziert bin, die ganzen verschiedenen Menschen bei ihren Alltagsbeschäftigungen beobachtet habe oder an ranzig aussehenden Geschäften vorbeikam, habe ich mich öfter dabei erwischt mich zu fragen, ob das hier eigentlich noch unser Zuhause ist oder wir doch in Berlin besser aufgehoben sind?

Je mehr Kinder, desto wichtiger die Familie in Berlin?

Wir waren diese Sommerferien wirklich sehr lange in Berlin: Ich war ja wegen dem nahendem Termin der Geburt unseres 3. Kindes sogar eine Woche vor Ferienbeginn schon in Berlin und nach der Geburt sind wir mit Neugeborenen auch nicht mehr verreist sondern blieben dort. Im Kreise der Familie. Es waren zwar immer wieder Teile der Familie im Urlaub, aber weil wir insgesamt so viele sind und mein Bruder und eine Schwester mit insgesamt 4 Kindern gleich neben meinen Eltern wohnen, war eigentlich durchgehend immer was los und wir fühlten uns alle sehr wohl und hatten dank Schwimmkursen oder Feriencamp auch neue Kinder und Eltern kennengelernt.

Als in Berlin für die Cousins und Nachbarn wieder die Schule anfing, kam mehrfach die Frage der Mädels, wieso wir nicht in Berlin wohnen können. Solche Fragen kamen schon öfter, aber dieses Mal irgendwie mit mehr Nachdruck. Vielleicht auch, weil wir gerade Zeuge eines Umzugs von London nach Berlin von guten Freunden wurden, die wegen eines Schulplatzes doch recht spontan den Umzug von London nach Berlin gewagt haben. Das hat uns neugierig gemacht und so haben wir uns diese bilinguale Schule auch mal angeschaut. Natürlich haben wir den Kindern versichert, dass wir nun nicht sofort nach Berlin ziehen werden, nur weil wir uns mal die Schule angeschaut haben. Und ich werde sie höchstwahrscheinlich auch nicht für das Schuljahr 2019/2020 in die Lostrommel für freie Plätze werfen lassen. Aber dass wir irgendwann versuchen wollen, in Berlin Jobs und Schulplätze zu finden, so dass wir zurück ziehen können, ist kein Geheimnis.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Umzug mit Schulkindern?

Bisher dachte und sagte ich immer, dass wenn es für die Schnatterente in die Secondary School geht, es für uns möglicherweise nach Hause geht. Ab der vierten Klasse bricht hier nämlich wegen den Secondary Schools der pure Stress aus: Auch wirklich gute Schüler bekommen teilweise mehrfach die Woche Nachhilfe, um gut auf die Aufnahmetests der Gymnasien oder Privatschulen vorbereitet zu werden. Diesen Stress möchte ich eigentlich der Schnatterente ersparen, zumal wir in Berlin einige Schulen haben, wo sie einen vernünftigen Abschluss machen könnte, ohne dass es eine Privatschule ist und man hunderttausende von Pfund/Euro hinblättern muss (keine Ahnung wie viel das wirklich kostet, aber definitiv schweineteuer!). Und wir und viele unserer deutschen Freunde haben auch mit einem ganz normalen deutschen Abitur unseren Weg gemacht.

Nun bin ich mir aber nicht mehr so sicher, ob es überhaupt noch die 3-4 Jahre dauert, bis wir umziehen möchten…

Nach ein paar Tagen habe ich mich aber doch wieder ganz gut mit London arrangiert, denn eigentlich gefällt uns das Leben in London nach wie vor sehr gut. Die Kinder gehen auf eine gute Schule – auch wenn ihnen der frühe Druck nicht ganz so liegt -, sie haben viele Freunde und sind auch mit ihren Hobbies glücklich. Uns Großen gefällt unsere Arbeit und unsere Freizeitgestaltung, auch wenn wir insgesamt ziemlich wenig Freizeit haben.

Von daher denke ich, dass wir zumindest noch die nächsten zwei Jahre hier sind – aber wer weiß schon, was die Zukunft am Ende bringen wird! Der Kleine darf sich auf jeden Fall gerne noch ein bisschen in die englische Sprache einhören, wenn er auch am Ende vielleicht nicht so viel wie die großen Schwestern von der Sprache mitnehmen wird. Aber auch wenn wir einmal in Berlin leben, gibt es ja viele Möglichkeiten, die zarten bilingualen Anfänge des Kleinen auszubauen, zumal die beiden Schwestern dann hoffentlich ihr Englisch nicht mehr verlernen und ihm dabei helfen können…

Eure Uta x

2 Gedanken zu „Schwerer Abschied aus Berlin

  1. Ich kann diese Überlegungen gut verstehen und nachfühlen… Danke fürs Teilen! Und je länger ich in D bin im Sommer desto schwerer fällt es mir , hier wieder anzukommen! Eingefügte Zeit Dir und Euch und besonders ein Genießen der Babyzeit!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.